Werden wir unfreundlicher ?

Werden wir unfreundlicher ? Immer unfreundlicher ? Liegt dies etwa an den sozialen Medien ?

Jeder kennt die Szene im Zug. Jemand in unmittelbarer Nähe telefoniert lautstark. Bespricht die Banalitäten seines Lebens und jeder muss zuhören. So sehr man sich auch bemüht, man kann nicht weghören. 

So geschehen vor kurzem in einem Zug von London nach Manchester. In besagtem Fall war der Zuhörer Lord Robert Winston, ein britischer Arzt, Politiker und Moderator mit über 41.000 Twitter Followers. Kurzerhand fotografierte er die Frau und stellte die Szene in sein Twitter Account ein. Die Presse griff dies auf und bereitete der Frau einen denkwürdigen Empfang in Manchester. Nun, wer ist hier unfreundlicher ? Das darf jeder selbst entscheiden…..

Laut Danny Wallace ist es ein Faktum, dass wir alle unfreundlicher werden:

Soziale Medien verändern die Art und Geschwindigkeit der Kommunikation, Reality TV lehrt uns, gemein zu sein, solange wir nur ehrlich sind, in Großbritannien hat der Brexit die Menschen zweigeteilt: wir müssen nur wissen, ob jemand dafür oder dagegen ist und schon wissen wir, ob wir diese Person mögen oder nicht. Last but not least: In USA der Aufstieg eines unfreundlichen Menschen in eine der mächtigsten Positionen der Welt….

Ist es wirklich so schlimm, wie Danny Wallace es beschreibt ?

Studien belegen, dass sich Unfreundlichkeit schnell ausbreitet, fast wie eine Grippe. Hat das Unfreundlichkeitsvirus mal zugeschlagen, sind wir aggressiver, weniger kreativ und schlechter im Beruf. Was also hilft ?

Einzig und allein die bewusste Entscheidung, Unfreundlichkeit nicht zu tolerieren. Jeder von uns kann dies tun.

Der ehemalige Bürgermeister von Bogotá hatte eine spektakuläre Idee. Er heuerte eine ganze Arme von Pantomimen an. Die Pantomimen gingen durch die Straßen von Bogotá und gesellten sich zu Menschen, wenn diese unfreundliche Dinge taten, wie zum Beispiel sich nicht in die Schlange stellten, und ahmten sie nach…… Den Effekt kann man sich vorstellen. Eine gelungene Idee mit Spaßfaktor.

Sicherlich können wir keine Armee von Pantomimen anheuern, wenn uns mal wieder Unfreundlichkeit begegnet. Aber wir können es uns leisten, etwas zu sagen: Zivilisiert und höflich.

Danny Wallace schlägt vor, in diesem Fall die Worte „Just stop“ zu verwenden.

Ich würde jedem selbst überlassen, was in der jeweiligen Situation angemessen ist. Und – leider – ist es manchmal auch besser, nichts zu sagen.

Vor kurzem durfte ich eine ähnliche Situation im Zug erleben: Eine junge Frau hörte laut Musik (und wir durften alle mithören). Ein andere Fahrgast stand auf und bat die Frau, höflich, die Musik auszumachen. Der Freund der Frau ist darauf hin völlig ausgeflippt und hat den Fahrgast fast verprügelt……

In einem schönen Restaurant begann eine Dame mittags lautstark zu telefonieren, jeder musste zuhören. Als das kein Ende nehmen wollte, haben wir die Dame gebeten, leiser zu sprechen oder vor die Türe zu gehen….die Reaktion: „Ich telefonieren doch mit dem Ausland, da muss ich laut sein“. Sie ist dann doch vor die Türe gegangen…immerhin.

Ich finde es wichtig und richtig, unfreundlichen Menschen Grenzen aufzuzeigen. In Gefahr begeben sollte man sich dabei allerdings nicht.

Einen schönen Abend.

Entnommen aus „Here’s the Perfect Thing to Say When Someone Is Rude“ von Danny Wallace, veröffentlicht im Time Magazine am 12. Februar 2018

Von Danny Wallace gibt es das Buch „Random Act of Kindness“ – über die gleichnamige Stiftung hatte ich vor kurzem berichtet.

Weitere Bücher vom gleichen Autor:

„I can’t believe you just said that: The truth about why people are SO rude“

„F*** You Very Much – The surprising truth how people are so rude“ – erscheint demnächst

 

 

Reisetagebuch (aufgenommen Parker, Colorado, USA)

IMG_0624.JPG

 

3 Gedanken zu “Werden wir unfreundlicher ?

  1. Danke für den Beitrag. Würde ich allerdings so auf Anhieb nicht unterschreiben. Finde, dass sich in vielen Dingen des alltäglichen Lebens eine gewisse Freundlichkeit durch gesetzt hat. Wenn ich an Verkäuferinnen der 80er Jahre denke 🙂
    Grüße

    Gefällt 1 Person

  2. Interessant, dass immer mehr Menschen die Veränderung im Verhalten der Menschen miteinander wahrnehmen. Die beschriebenen Situationen haben für mich allerdings mehr mit Rücksicht bzw, dem Fehlen derselben zu tun. Was auch immer mehr zunimmt ist die Respektlosigkeit. Kaum jemand steht im Bus noch für einen alten Menschen auf. Im Gegenteil, da wird beim Einsteigen gedrängelt, damit man noch den letzten Sitzplatz ergattert, weil man das Smartphone ja besser mit beiden Händen bedienen kann. Jeder schaut nur noch auf sich selbst, 6 von 10 Personen im Bus sind mit dem Handy beschäftigt, weitere 2 hören Musik mit Kopfhörern (die so laut eingestellt sind, dass der Nachbar mühelos mithören kann). Die Übrigen 2 sind ein älterer Mensch, der damit beschäftigt ist, sich festzuhalten, damit er nicht in den Kurven umfällt und ein Kind, das verzweifelt versucht, die Aufmerksamkeit seiner Mutter zu erlangen, welche- natürlich!- mit ihrem Smartphone beschäftigt ist. Daher hat sie auch den älteren Menschen nicht wahrgenommen, der sich sicher freute, wenn sie den Platz ihres Kindes für ihn freigäbe. Doch leider scheitert das Vorleben von Respekt und Rücksichtnahme an der Tatsache, dass man mit einem Kind auf dem Schoss das Smartphone nicht mehr optimal bedienen könnte.

    rejekblog: Es gibt drei Sorten freundliche Verkäuferinnen: die, die von Natur aus freundlich und hilfsbereit sind; die die professionell freundlich geschult sind. Erstere sind immer noch in der Unterzahl. Ich bin übrigens selbst seit mehr als 25 Jahren im Einzelhandel tätig und mein Credo ist: Behandle Jeden, wie du selbst behandelt werden möchtest.

    Vorleben von Werten ist nicht immer leicht, doch wenn man damit nur einen anderen Menschen zum Überdenken seines Verhaltens bewegen kann, ist schon viel erreicht! Liebe Grüsse 😉

    Gefällt 2 Personen

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